Samstag, 28. März 2020
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//// BLOG

von Pierre-Philippe Scharf

- alle 2 Woche erscheint, im Laufe des Samstags, ein neuer Eintrag

- alle erwähnten Namen wurden aus Gründen der Privatsphäre geändert, außer mein eigener Name

- "Karibik" ist ein Zustand/Zeitraum, in dem ich etwas mache, was mich erfüllt

- es ist nur meine Meinung

- der Eintrag wird 13 Tage online sein, danach wird er gelöscht

- Anregungen und Meinungen bitte an pierrephilippescharf@gmail.com oder per Instagram @pierrephilippescharf

Um ehrlich schreiben zu können, stelle ich mir vor, dass keiner das hier lesen wird.

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Aktuelles aus dem Hauptquartier


COVID-19 ist heute Thema. Ich weiß. Es ist überall Thema. Zurecht. Es hat Auswirkungen auf unser aller Leben.

Ich hatte schon vor 6 Wochen in einem Blogeintrag, in der Kategorie "Breaking News", geschrieben, dass mir das Thema richtig auf den Sack geht. Damals war es noch ausschließlich in China und man konnte sich nicht vorstellen, dass es noch so krass wird.

Das Thema war mir damals auch nicht so wichtig, weil es mich nicht betroffen hat. Ich hatte damals, keine Nachrichten mehr verfolgt, sondern ausschließlich die Sendung "Lanz" gesehen, wo meiner Meinung nach die wichtigsten Themen gut besprochen werden. Der Verzicht auf Nachrichtenkonsum war ein Experiment, denn normalerweise schaute ich jeden Tag Nachrichten, um zu wissen, was so abgeht in dieser verrückten Welt. Doch leider sind viele Nachrichten einfach unwichtig, in meinen Augen und habe deshalb beschloßen, damit aufzuhören. Ich dachte mir, wenn die Welt untergeht, bekomme ich es schon mit.

Außerdem bekommt man Nachrichten ja auch irgendwie auf Instagram, Youtube, in Podcasts oder sogar in der U-Bahn mit. Über die wichtigsten Themen reden natürlich auch die Freunde. Genauso war es dann auch mit dem Coronavirus. Mittlerweile schaue ich wieder Nachrichten und interessiere mich auch für das Thema, weil es nun mal so präsent ist. Ich lese aber trotzdem kaum Artikel darüber oder höre auch (noch) nicht den Podcast von Prof. Drosten. Bei Lanz wird das Thema auch immer noch sehr gut behandelt und da sind auch führende Politiker dabei, die Infos aus erster Hand geben können.

Ich glaube, über die Folgen dieser Krise möchte ich gar nicht so viel reden, da schaut lieber Lanz oder Nachrichten, aber ich bin mir sicher, dass keiner dachte, dass irgendwann mal so ein Zustand in diesem Land herrschen würde. Gefühlt steht die ganze Welt still. Die ganze Wirtschaft steht still. Fabriken schließen. Alle warten darauf, dass es vorbei ist. Das ist gerade Geschichte, die hier geschrieben wird.

Darüber, dass sehr viele Unternehemen bankrottgehen werden, Leute ihre Jobs verlieren, auch wenn die Bundesregierung das eher verneint, die Miete nicht mehr zahlen können, möchte ich gar nicht schreiben. Ich finde es eher erschreckend, dass die Leute so viel Klopapier kaufen. Check ich echt nicht. Mittlerweile soll es ja wieder gehen. Mein normales Kaufverhalten kann ich jetzt nicht mehr richtig ausleben ohne schlechtes Gewissen. Ich kaufe halt immer etwas mehr ein, damit ich morgen nicht gleich wieder los muss. Man wird ja sofort vorwurfsvoll angeguckt, wenn man sich, wie immer, 3 Pizzen kauft, ein paar Getränke und noch ein paar andere Lebensmittel. By the way, meine Mam ist in der DDR aufgewachsen, weshalb wir eigentlich immer viele Vorräte zu Hause haben, mit denen wir safe einen Monat lang überleben könnten. Meistens wird man von irgendeinem fetten Typen dumm angeguckt, der mitte 40 ist und sich denkt: "Ich hab ja 2 kleine Kinder dabei, dann kann ja nochmal die doppelte Menge von allem kaufen. Ich hab ja eine Familie." Wenn ich Blickkontakt aufgenommen hätte, denn er hat mich angeguckt, das hab ich gemerkt, hätte er bestimmt noch so einen flotten Spruch gebracht wie: "Na, hamsterst' auch schön für die nächsten Wochen." Nein du Hurensohn, ich kauf mir normal meine Sachen. Wichser.

Okay. Jetzt kommen wir mal wieder runter. Ich hab gerade echt keine Lust mehr über dieses Thema ausführlich zu schreiben. Es regt mich einfach nur noch auf. Deshalb sind hier noch ein paar Stichpunkte, die ich eigentlich noch weiter ausführen wollte, es aber jetzt nicht mehr mache.

-Bayboom in 9 Monaten (ne Freundin müsste man haben, mit der man in Quarantäne ist. Oh man, würde es abgehen)

- alle reden über Toilettenpapier, aber keiner über Kondome

- bedingungsloses Grundeinkommen

- Klimawandel (für die kurzfristige Gesundheit kann man alles stehen und liegen lassen)

- Social Media boomt

- alles kann so schnell den Berg runtergehen

- Wie wird die Krise unser Leben verändern? (Wird man sich jemals wieder die Hände schütteln? Oder reicht endlich mal nur ein klassisches "Gut Kick" in die Runde? Wird ein neues Zeitalter entstehen? Das Jahr 1 n.C.)

- Mundschutzshaming

- mögliche Mundschutzpflicht

- häusliche Gewalt

Zu vielen Themen hat der Podcast "Gemischtes Hack" die gleiche Meinung wie ich. Einfach mal reinhören.



Was sich bei mir geändert hat

Das erste Mal, dass ich dachte, dass es jetzt ernst wird, war als ich nicht mehr arbeiten konnte. Und natürlich als die ersten Fußballspiele abgesagt wurde. Wenn so etwas in diesem Land passiert, dann stimmt etwas nicht. Es kommt mir so vor als wäre das letzte Fußballspiel vor ein paar Monaten gespielt worden. Vorher dachte ich auch, dass sich alle nur verrückt machen und es bestimmt nicht so wild wird. Für meinen Alltag hat sich eigentlich nicht viel geändert. Ich kann leider nicht mehr ins Gym gehen. Homeworkouts sind so deprimierend und allein die Möglichkeit nicht mehr zu haben ins Kino zu gehen oder in die Stadt zu fahren, fühlt sich extrem komisch an. Ich fühle mich auf jeden Fall eingeschränkt. Aber ich nehme die Empfehlungen und mittlerweile die Verbote und Regeln der Regierung ernst. Es darf nicht so werden wie in Italien.

Die erlassen ein Kontaktverbot nicht ohne Grund und sie schließen auch nicht ohne Grund alle Restaurants, etc. Die Leute, die das immer noch nicht verstanden haben, sind einfach nur komplett dumm. Ich versuche mich daran zu halten und so wenig wie möglich rauszugehen.

Aufgrund meiner Verdienstausfälle lebe ich gerade von Ebay Kleinanzeigen-Erlösen. Lol. Das ist aber ziemlcih scheiße, weil es gerade die beste Zeit ist für Onlineshopping. Die Händler sind ja auch nicht dumm und locken mit satten Rabatten. Sidefact: Ich habe, warum auch immer, 7 Follower auf Ebay.

Streamingdienste haben natürlich in solchen Zeiten gewonnen. Disney+ kam neu raus und hat mich schon überzeugt. Wenn man die App öffnet, hat man sofort keine Sorgen mehr. Sofort kommt dieses Kindheitsgefühl. Endlich kann man wieder old school Filme wie "Der Babynator" oder "Das Vermächtnis der Tempelritter" sehen. Es fühlte sich erst komisch an, für einen Streamingdienst zu bezahlen, auf dem man schon fast alles kennt, deshalb finde ich insgesamt, dass Disney+ ein guter Zusatzstreamingdienst ist, aber ich dadurch jetzt nicht auf Netflix verzichten könnte. Die Auswahlmöglichkeiten der verschiedenen Genres sind bei Disney+ einfach nicht groß genug.

Ich habe sogar überlegt für die Corona-Zeit kurze Kritiken über Filme und Serien zu schreiben und hier auch veröffentliche, damit die Leute auf Geschichten stoßen, die sie hoffentlich noch nicht kennen und sich nicht langweilen.

Ansonsten stehe ich früh auf. Wie man auf Instagram sehen kann. Ich poste das immer, damit ich einen gewissen Druck von außen habe. Ich bin zwar immer todmüde, aber es tut mir gut und müde bin ich immer. Ich muss mich da durchquälen, aber es lohnt sich. Es war ja, wie ich in dem Blogeintrag "Changes" gesagt hatte, ein Ziel von mir früh aufzustehen.

Obwohl sich in meinem Alltag nicht viel ändert, fühlt sich alles ganz anders an. Durch die viele Zeit, die ich durch das frühe Aufstehen habe, schreibe ich leider nicht viel mehr. Ich schreibe ein bisschen, aber ich möchte viel schreiben. Daran muss ich noch arbeiten. Durch Corona hatte ich die Idee mit den Corona Short Stories, die ich sehr feier. Da kommen in Zukunft noch einige Short Stories in diesem Blog. Generell bin ich gespannt, ob und wie das Coronavirus in den nächsten Jahren in Büchern und Filmen verarbeitet wird. Da kommt es wohl auch darauf an, wie lange es jetzt dauert und wie stark die Auswirkungen weltweit sind. Es fühlt sich leider gerade so großartig an, Serien und Filme zu schauen, in dem Wissen, dass alle das tun. Ich muss auch feststellen, dass ich jeden relevanten Streamingdienst abonniert habe. Netflix, Amazon Prime, Sky Ticket Cinema & Entertainmet, Disney+, Apple TV+.

Das Wetter ist gut und wird noch besser. Die Sonne scheint ... "Handy klingelt, Siggi ruft an. Ich bin high. Bruder lass mal bisschen rumfahren." Oh sorry. Kennt ihr das, wenn man einen Satz oder Wort sagt, müsst ihr an einen Song denken oder habt sofort die Line oder Songtext im Kopf und singt innerlich weiter? Der Song 2002 von Apache 207 und Sido ist aber auch geil. Egal (Wendler-Meme). Das Wetter wird immer besser. Mal schauen, ob die Deutschen wohl drin bleiben.

Ich muss jetzt nochmal auf den letzten Blogeintrag (10/10) eingehen. Ohne Witz, ich fand, das war mein bester Blogeintrag bis jetzt. Da war alles drin. Storytelling, Spannung, Gefühle, Liebe, Sex (jedenfalls das Wort). Es war auch sehr persönlich. Wahrscheinlich war er mir deshalb auch so wichtig und ist deshalb wohl auch so gut geworden. Ich will gar nicht mehr viel dazu sagen, aber die Story hat ein Ende gefunden. Es kam eigentlich genauso, wie ich es mir von Anfang an dachte. Ich wusste, ich habe nie eine Chance bei einer 10 von 10 und sie hat es mir bestätigt. Sie rief mich an und meinte eigentlich genau das, was sie im Zug schon gesagt hatte. Sie sagte auch, dass sie ja nicht weiß viele Gedanken ich mir darum gemacht habe und wie wichtig mir diese Frage war. Ich sagte dazu nichts. Das hätte nichts geändert, hätte ich gesagt: "Äh ja äh, ich hab da schon so 2 Monate permanent dran gedacht." Das hätte alles nur noch peinlicher gemacht. Ich weiß nicht, ob ich es lieber gewollt hätte, dass sie gar nichts mehr dazu sagt, ich mein, sie hat sich nach 2 Wochen deswegen bei mir gemeldet. Aber jetzt ist es endgültig. Das ganze fickt mein Selbstvertrauen enorm, obwohl es mir von Anfang an klar war. Ich fühle mich durch die aktuelle Lage, so wie viele bestimmt auch, eh schon alleine und versuche das mit zu viel Instagram-Konsum und Posts zu kompensieren. Durch die Posts und Stories gibt es immer wieder Interaktionen mit anderen und diese Interaktionen lassen mich meine Sorgen und Probleme für Sekunden vergessen. Ich poste eigentlich meistens, wenn es mir nicht gut geht. Als Ventil. Ich bekomme dann Likes. Unbedeutende Likes. Ja, aber es stärkt für ein paar Sekunden mein Selbstvertrauen. Oder ich poste, wenn ich total happy bin, um es mit der Welt zu teilen. Ach keine Ahnung, ich bin komisch. Ich kann Christina, aber leider keinen Vorwurf machen. Wenn sie nicht so wie ich empfindet, dann ist es leider so. Das Doofe ist nur, dass ich niemaden die Schuld geben kann. Ich bin froh, dass ich sie jetzt durch Corona erstmal nicht mehr sehen werde, wobei es sich durch Instagram so anfühlt als wäre sie in der Nähe. Ich denke über ein Insta-Detox nach. Ich bin mir auch zu 98% sicher, dass sie das hier nicht lesen wird.

Aber alles, was passiert hat einen Grund. Dass ich diesen Korb bekommen habe, hat einen Grund. Ich weiß noch nicht welchen, aber irgendwann weiß ich es. Ich hatte letztes Jahr ein Vorsprechen für einen Theaterjob auf einem Kreuzfahrtschiff. Sie haben mich nicht genommen. Die Fahrt wäre von April bis Oktober gewesen. Ich wollte unbedingt mal auf einem Kreuzfahrtschiff spielen. Die Enttäuschung wäre riesig gewesen, wenn ich die Zusagen gehabt hätte und es jetzt nicht stattfinden könnte. Ich hätte dann nämlich auch kein Geld bekommen, so wie jetzt auch.

Zum Schluss kommt heute wieder ein Zitat oder besser gesagt ein Kommentar, den ich unter dem Video von Pietro Lombardi's Song "Es tut schon wieder weh" gefunden habe. Es beschreibt meine Gedanken sehr gut.


"Die schmerzhafteste Lektion im Leben ist wohl die, dass wir akzeptieren müssen, dass wir Menschen begegnen werden, die unsere Liebe nicht im gleichen Maßen erwidern werden.

Leider ist es auch so: Zeige einem Menschen, wie sehr du ihn magst, was er dir bedeutet und er wird dir zeigen, wie sehr er dich verletzen kann.

Bedingungslose Liebe... Etwas Menschliches... Etwas sehr schönes... Wobei wir auch innerlich kaputt gehen können...

Wunderschöner Song - einfach nur traumhaft & für jeden, der diese Situation nur zu gut kennt, sehr nachvollziehbar.

Man kann sich vieles Ausreden und sich auch Ablenken - aber im Grunde wird uns diese Person immer in Gedanken bleiben. Das ist Liebe. <3"

- Christoph Sinz, YouTube Kommentar




Nächster Eintrag am 11.04.



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von Pierre-Philippe Scharf

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Mittwoch, 25. März 2020
Was fragt man einen Fremden - Corona Short Stories
Was fragt man einen Fremden


Die Bundesregierung hat ein Kontaktverbot ausgerufen und sich gegen eine Ausgangssperre entschieden. Ansammlungen von mehr als 2 Personen sind verboten. Die Polizei soll die Einhaltung des Verbots überwachen. Fast alle Geschäfte müssen schließen, doch Rausgehen bleibt erlaubt. Die Zahl der Infizierten und der Toten steigen täglich.


Köln.

"Kann jetzt mal ein Auto kommen.", dachte ich, nachdem ich schon etwa 30 Minuten die Landstraße entlang ging. Auf den Straßen ist in Zeiten von Corona wenig los. Alle bleiben zu Hause. "Da! Ein Auto." Ich hielt den Daumen raus. Doch das Auto fuhr vorbei. Scheiß Tiguan.

Ich ging weitere 10 Minuten. Ein LKW kam, ich hörte es von Weitem. Ich streckte halbherzig meinen Daumen raus, ohne große Hoffnung. Der LKW fuhr an mir vorbei und blieb nach etwa 50 Metern stehen. Ich konnte es nicht fassen und lief hin.

Die Tür wurde mir aufgemacht. "Hallo, junges Fräulein. Wo musst du denn hin?" Es war eine Männerstimme. Sie klang schön, erinnerte mich an Leonardo DiCaprio. Ich konnte ihn nicht sehen. Ich stieg die Leiter eine Stufe hinauf und sagte: "Hannover." Die Stimme passte nicht zum Körper. Das denkt man sich ja manchmal, aber hier hat es absolut gepasst. Der Kerl war etwa 150 Kilo schwer und triefte vor Fett. Ich schätzte ihn so mitte 40. "Das lässt sich einrichten. Ich muss nach Hamburg." Ich stieg ein. Ich hatte auch keine andere Wahl.

"Ich bin Lizz." "Du bist ja 'ne kleine Strahlemaus.", sagte er und musterte mich. Widerlich. Ich grinste ihn nur an. Mir war klar, dass ich jetzt 4 Stunden mit ihm im engsten Raum zusammensitzen muss und wir können leider nicht die ganze Zeit schweigen. "Du heißt Werner?" Werner stand auf einem Schild, das er an der Windschutzscheibe stehen hat. "Nein haha, ich heiß Timo, die Jungs nennen mich aber alle Werner. Wegen dem Fußballspieler von RB. Ich bin Leipziger." Ich hörte gar keinen Akzent. "Aber nur gebürtig, aufgewachsen bin ich im Norden." Ah deshalb. Das wär's ja noch. 4 Stunden im Auto mit jemanden eingesperrt zu sein, der einen sächsischen Akzent hat. Ich schaute mich in seinem Fahrerhaus um. Ein paar Sachen von RB Leipzig, ein Harley Davidson Trinkbecher und Poster und direkt unterm Radio, ein Bild von einer nackten Frau. Komplett nackt. Ich kannte sie. Sie war Pornodarstellerin. Ich weiß ihren Namen nicht mehr, aber mein Exfreund hat sich gerne Filme von ihr angesehen. Gemachte Titten. Gemachte Lippen. Ich starrte es an. "Ist nicht meine Frau.", sagte Werner und lachte. Er hatte bemerkt, dass ich es anstarrte. Wie peinlich. "Wie kommt's denn, dass so ein junges Ding wie du an der Straße steht?" "Ich muss nach Hause und hab kein Geld mehr für ein Bahnticket. Mein Handy hat kein Akku und mein Freund-", ich machte eine Pause. "Mein Exfreund hat mich rausgeschmissen." "Ist ja ganz schön riskant von mir dich mitzunehmen. Hier in NRW, die Hochburg Coronas. Jemand fremdes aufzugabeln, ist nicht ohne Risiko." "Ich bin ihnen auch wirklich dankbar dafür." "Sag doch du, Süße." Ich schaute ihn an, während er redet. Ich habe einfach nicht verstanden, wie so eine schöne und sexy Stimme aus so einem Körper kommen kann. Seine speckigen Backen, flatterten von oben nach unten. Sein Bauch drückte schon gegen das Lenkrad. "Und was machst du so beruflich?" "Ich suche noch.", sagte ich, ohne Absicht das Gespräch noch weiterzuführen. "Wonach? Nach Arbeit?" Er lachte wieder. Auch wenn seine Stimme noch so schön war, war seine Lache umso schrecklicher. Ich bekam vor Ekel Gänsehaut. "Nach dem was mich erfüllt." "Das ist das Problem mit euch jungen Leuten, ihr wollt nur bedeutungsvolle Dinge machen." Ich reagierte auf seine Aussage nicht. Diese Diskussion hatte ich schon oft genug mit meinen Eltern gehabt. "Was transportieren Sie?", fragte ich aus Höflichkeit, interessiert hat es mich nicht. "Ich weiß es nicht. Ich bin wie Jason Statham, weißt du, in The Transporter. Ich stelle keine Fragen. Solange gezahlt wird, ist es mir egal." Ich schaute ihn an. Ich war erstarrt. Das konnte er unmöglich ernst meinen. Ich glaube, er spürte meine Verunsicherung und lachte. "Mein Gott, Mädchen. Das war doch nur ein Spaß."

Wir fuhren eine Weile ohne zu reden. Das Radio lief. Der Sender hatte die letzten Tage immer wieder Quizspiele gemacht und die Leute zu Hause angerufen. "Es sind ja alle zu Hause.", sagte Werner. "Nur ich, ich bin wieder auf der einsamen Straße mit meiner Lady." Ich glaube, er meinte mit Lady seinen LKW und nicht mich, aber sicher bin ich mir nicht. Ich habe auch nicht nachgefragt. "Wie ein Cowboy im Wilden Westen." Wie er es sagte, klang es echt schön. Er betonte die Worte auf seine ganz eigene Art. Sein Sprachduktus gefiel mir. Ich machte manchmal die Augen zu, wenn er was sagte, um dieses schlimme Bild seines Körpers auszublenden. "Kein Fußball wird mehr gespielt. Kein Casino, keine Spielo hat auf. Keine Gaststätte. Nicht mal die Mädels dürfen sich noch verkaufen." Mädels? Meinte er... Nein. Obwohl? Doch. Ich kann mir gut vorstellen, dass er so ein Typ ist. Ein Junggeselle, der nicht viel in seinem Leben hat. Eine Einzimmerwohnung, reicht ja aus, ein kleines Auto, einen Renault oder Opel oder so, ich hab keine Ahnung von Autos, ein Sky Abo, wo er dann die Spiele mit diesem Werner auf seinem etwas zu großen Fernseher sehen kann, die kosten ja heutzutage nichts mehr, den Traum von einer eigenen Harley versucht er sich irgendwie zu erfüllen, obwohl es finanziell hinten und vorne nicht passt und dann geht er noch 1 oder 2 Mal in der Woche zu einem Mädchen, ich weiß ja nicht wie teuer sowas ist, und lässt sich einen wedeln. Gegen Geld. Ist klar. Niemand will den Typen freiwillig auf sich liegen haben.

Ich sagte nichts mehr und zeigte auch kein Interesse an einer Konversation. Was fragt man einen Fremden, mit dem man nichts zu tun haben möchte? Ab und zu machten wir bei dem Quiz mit und hatten auch irgendwie Spaß dabei. Er kennt sich echt gut Fußball und Filmen aus, aber hat keine Ahnung von Musik, außer Johnny Cash und Elvis. "Ein Fußballexperte meinte, dass es gerecht wäre, wenn man die Saison jetzt beendet und die Hinrundentabelle werten lässt. Rate mal wer dann Meister wäre?" "Ich habe echt keine Ahnung von Fußball." "Rate einfach." "Bayern?" "RB natürlich. Ich finde das können die mal machen."
Wir erreichten Hannover. Er fragte, wo er mich absetzen kann. Ich sagte ihm, am Besten in der Nähe einer Bahnstation. Wir fuhren von der Autobahn ab. Er lenkte auf einen leeren Real-Parkplatz zu und kam zum stehen. "Hier ist keine Bahnstation.",dachte ich. Er machte den Motor aus und fuhr seinen Sitz noch ein Stück nach hinten. "Er ging also doch noch weiter nach hinten. Warum hat sein Bauch, dann die ganze Zeit gegen das Lenkrad gedrückt?", fragte ich mich in diesem Moment. "Ich finde, ich war sehr nett dir gegenüber.", sagte Werner und holte mich aus meinen Gedanken. "Ja, vielen Dank. Das ist nicht selbstverständlich." Ich drehte mich zur Tür, um sie aufzumachen. "Die ist zu." Ich probierte es nicht mal, sondern schaute die Türklinke nur an. Ich hörte wie er seinen Gürtel aufmacht und seine Hose runterzieht. Ich drehte mich um. Tatsache.

Sein Penis sah klein aus. Ich habe aber bis jetzt auch erst 3 gesehen. Aber im Vergleich zu seinem fetten Körper sieht alles klein aus. Er schaute das Bild dieser Pornotante an, während er mit mir sprach. "Da du kein Geld hast, musst du mich anders entlohnen. Ich bin ja nicht die Wohlfahrt." Nach 4 Stunden Autofahrt stank es in diesem Fahrerhaus. Ich schaute ihn an. Er sah immer noch die Pornotussi an. Der Schweiß auf seiner Stirn ekelte mich an. "Wie schwitzig ist dann wohl sein Ding.", dachte ich. Ich schaute in sein Gesicht, dann auf seinen Penis, wieder in sein Gesicht und dann durch die Frontscheibe. Es gab nichts hier drinne, womit ich mich wehren könnte und genau das wusste er. Ich spürte seine Hand an meinem Bein. Sie ging von meinem Knie immer höher. Seine ekelige speckige Hand. Ich schloss die Augen.



von Pierre-Philippe Scharf

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Dienstag, 24. März 2020
Grautöne - Corona Short Stories
Grautöne

Die Bundesregierung rät davon ab, sich in größeren Menschengruppen aufzuhalten. Verbote gibt es noch nicht. Die Zahl der Infizierten steigt täglich. Die, die zu Hause bleiben können, sollen zu Hause bleiben.


Hamburg

Renate, eine 74 Jahre alte Frau, sitzt auf ihrer Couch in ihrer 2 Zimmer Wohnung mit dem Telefon in der Hand. Sie schaut in ihr Kontaktbuch und geht mit ihrem Finger die Nummern entlag. "Margarete Arbeit." "Margarete Handy." Ihr Finger zittert und bleibt bei "Margarete zu Hause" stehen. Sie fängt an die Nummer einzutippen als plötzlich das Telefon klingelt. Vor Schreck lässt sie es fallen.

"Ja, hallo?"

"Mama, hast du die Nachrichten verfolgt?"

"Ja Margarete, natürlich. Schrecklich ist das."

"Ich und die Kinder können übermorgen nicht vorbei kommen. Hier in Köln ist es noch schlimmer als bei dir oben. In Tinos Klasse ist ein Elternteil in Verdacht. Ich will nicht, dass du dich ansteckst. Bleib bitte daheim, Mama."

"Ja, ist gut. Ich pass schon auf mich auf und sag den Kindern, Oma hat sie lieb."

"Mach ich."


3 Tage später. Das Telefon und das Internet geht im gesamten Wohnblock nicht. Es klopft an der Tür.
Renate macht die Tür auf, lässt aber die Türkette dran.

Malik, der 19 Jahre alte Nachbarsjunge, steht vor ihrer Tür.

"Hallo. Ich wollte fragen, ob ich etwas für sie einkaufen kann."

"Nein, ich möchte mit euch nichts zu tun haben."

"Mit euch?"

"Mit euch Schwarzen."

"Ich bin deutsch. Ich habe einen deutschen Pass und bin hier aufgewachsen."

"Trotzdem bist du schwarz."

"Denken sie nicht in Schwarz und Weiß, denken sie in Grautönen."

"War's das jetzt?"

"Geht das Telefon bei ihnen auch nicht?"

"Nein."

Malik kramt in seiner Hosentasche und hält ihr sein Smartphone hin.

"Hier, nehmen Sie das und rufen sie ihre Familie an. Die machen sich bestimmt schon Sorgen um Sie."

Renate zögert.

"Bitte nehmen Sie es. Es ist entsperrt. Sie müssen nur die Nummer eingeben und das grüne Telefon drücken. Danach legen sie es einfach vor ihre Tür."

"Ich weiß, wie sowas funktioniert."

Renate kannte Smartphones nur aus dem Fernsehen. Sie nimmt das Handy und setzt sich auf ihre Couch. Sie sucht wieder im Kontaktbuch und bleibt bei "Margarete Handy" stehen. Sie tippt die Nummer ein und drückt auf das grüne Telefon. Sie wartet, aber keiner geht ran. "Hat der Bengel mich reingelegt, kann ich damit überhaupt telefonieren?", dachte Renate. Sie steht auf, um das Handy wieder vor die Tür zu legen, als es plötzlich klingelt. Sie tippte auf das grüne Zeichen.

"Hallo?"

"Margarete?"

"Mama! Nimm das Handy mal von deinem Ohr weg."

"Was? Aber-"

"Mach mal."

Renate schaut auf das Display.

"Hallo, ich sehe dich und Tino ist auch da."

"Hallo, Oma."

Renate kommen die Tränen.

"Woher hast du das Smartphone?"

"Das hat mir ein netter junger Mann gegeben."



von Pierre-Philippe Scharf

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