Mittwoch, 25. März 2020
Was fragt man einen Fremden - Corona Short Stories
Was fragt man einen Fremden


Die Bundesregierung hat ein Kontaktverbot ausgerufen und sich gegen eine Ausgangssperre entschieden. Ansammlungen von mehr als 2 Personen sind verboten. Die Polizei soll die Einhaltung des Verbots überwachen. Fast alle Geschäfte müssen schließen, doch Rausgehen bleibt erlaubt. Die Zahl der Infizierten und der Toten steigen täglich.


Köln.

"Kann jetzt mal ein Auto kommen.", dachte ich, nachdem ich schon etwa 30 Minuten die Landstraße entlang ging. Auf den Straßen ist in Zeiten von Corona wenig los. Alle bleiben zu Hause. "Da! Ein Auto." Ich hielt den Daumen raus. Doch das Auto fuhr vorbei. Scheiß Tiguan.

Ich ging weitere 10 Minuten. Ein LKW kam, ich hörte es von Weitem. Ich streckte halbherzig meinen Daumen raus, ohne große Hoffnung. Der LKW fuhr an mir vorbei und blieb nach etwa 50 Metern stehen. Ich konnte es nicht fassen und lief hin.

Die Tür wurde mir aufgemacht. "Hallo, junges Fräulein. Wo musst du denn hin?" Es war eine Männerstimme. Sie klang schön, erinnerte mich an Leonardo DiCaprio. Ich konnte ihn nicht sehen. Ich stieg die Leiter eine Stufe hinauf und sagte: "Hannover." Die Stimme passte nicht zum Körper. Das denkt man sich ja manchmal, aber hier hat es absolut gepasst. Der Kerl war etwa 150 Kilo schwer und triefte vor Fett. Ich schätzte ihn so mitte 40. "Das lässt sich einrichten. Ich muss nach Hamburg." Ich stieg ein. Ich hatte auch keine andere Wahl.

"Ich bin Lizz." "Du bist ja 'ne kleine Strahlemaus.", sagte er und musterte mich. Widerlich. Ich grinste ihn nur an. Mir war klar, dass ich jetzt 4 Stunden mit ihm im engsten Raum zusammensitzen muss und wir können leider nicht die ganze Zeit schweigen. "Du heißt Werner?" Werner stand auf einem Schild, das er an der Windschutzscheibe stehen hat. "Nein haha, ich heiß Timo, die Jungs nennen mich aber alle Werner. Wegen dem Fußballspieler von RB. Ich bin Leipziger." Ich hörte gar keinen Akzent. "Aber nur gebürtig, aufgewachsen bin ich im Norden." Ah deshalb. Das wär's ja noch. 4 Stunden im Auto mit jemanden eingesperrt zu sein, der einen sächsischen Akzent hat. Ich schaute mich in seinem Fahrerhaus um. Ein paar Sachen von RB Leipzig, ein Harley Davidson Trinkbecher und Poster und direkt unterm Radio, ein Bild von einer nackten Frau. Komplett nackt. Ich kannte sie. Sie war Pornodarstellerin. Ich weiß ihren Namen nicht mehr, aber mein Exfreund hat sich gerne Filme von ihr angesehen. Gemachte Titten. Gemachte Lippen. Ich starrte es an. "Ist nicht meine Frau.", sagte Werner und lachte. Er hatte bemerkt, dass ich es anstarrte. Wie peinlich. "Wie kommt's denn, dass so ein junges Ding wie du an der Straße steht?" "Ich muss nach Hause und hab kein Geld mehr für ein Bahnticket. Mein Handy hat kein Akku und mein Freund-", ich machte eine Pause. "Mein Exfreund hat mich rausgeschmissen." "Ist ja ganz schön riskant von mir dich mitzunehmen. Hier in NRW, die Hochburg Coronas. Jemand fremdes aufzugabeln, ist nicht ohne Risiko." "Ich bin ihnen auch wirklich dankbar dafür." "Sag doch du, Süße." Ich schaute ihn an, während er redet. Ich habe einfach nicht verstanden, wie so eine schöne und sexy Stimme aus so einem Körper kommen kann. Seine speckigen Backen, flatterten von oben nach unten. Sein Bauch drückte schon gegen das Lenkrad. "Und was machst du so beruflich?" "Ich suche noch.", sagte ich, ohne Absicht das Gespräch noch weiterzuführen. "Wonach? Nach Arbeit?" Er lachte wieder. Auch wenn seine Stimme noch so schön war, war seine Lache umso schrecklicher. Ich bekam vor Ekel Gänsehaut. "Nach dem was mich erfüllt." "Das ist das Problem mit euch jungen Leuten, ihr wollt nur bedeutungsvolle Dinge machen." Ich reagierte auf seine Aussage nicht. Diese Diskussion hatte ich schon oft genug mit meinen Eltern gehabt. "Was transportieren Sie?", fragte ich aus Höflichkeit, interessiert hat es mich nicht. "Ich weiß es nicht. Ich bin wie Jason Statham, weißt du, in The Transporter. Ich stelle keine Fragen. Solange gezahlt wird, ist es mir egal." Ich schaute ihn an. Ich war erstarrt. Das konnte er unmöglich ernst meinen. Ich glaube, er spürte meine Verunsicherung und lachte. "Mein Gott, Mädchen. Das war doch nur ein Spaß."

Wir fuhren eine Weile ohne zu reden. Das Radio lief. Der Sender hatte die letzten Tage immer wieder Quizspiele gemacht und die Leute zu Hause angerufen. "Es sind ja alle zu Hause.", sagte Werner. "Nur ich, ich bin wieder auf der einsamen Straße mit meiner Lady." Ich glaube, er meinte mit Lady seinen LKW und nicht mich, aber sicher bin ich mir nicht. Ich habe auch nicht nachgefragt. "Wie ein Cowboy im Wilden Westen." Wie er es sagte, klang es echt schön. Er betonte die Worte auf seine ganz eigene Art. Sein Sprachduktus gefiel mir. Ich machte manchmal die Augen zu, wenn er was sagte, um dieses schlimme Bild seines Körpers auszublenden. "Kein Fußball wird mehr gespielt. Kein Casino, keine Spielo hat auf. Keine Gaststätte. Nicht mal die Mädels dürfen sich noch verkaufen." Mädels? Meinte er... Nein. Obwohl? Doch. Ich kann mir gut vorstellen, dass er so ein Typ ist. Ein Junggeselle, der nicht viel in seinem Leben hat. Eine Einzimmerwohnung, reicht ja aus, ein kleines Auto, einen Renault oder Opel oder so, ich hab keine Ahnung von Autos, ein Sky Abo, wo er dann die Spiele mit diesem Werner auf seinem etwas zu großen Fernseher sehen kann, die kosten ja heutzutage nichts mehr, den Traum von einer eigenen Harley versucht er sich irgendwie zu erfüllen, obwohl es finanziell hinten und vorne nicht passt und dann geht er noch 1 oder 2 Mal in der Woche zu einem Mädchen, ich weiß ja nicht wie teuer sowas ist, und lässt sich einen wedeln. Gegen Geld. Ist klar. Niemand will den Typen freiwillig auf sich liegen haben.

Ich sagte nichts mehr und zeigte auch kein Interesse an einer Konversation. Was fragt man einen Fremden, mit dem man nichts zu tun haben möchte? Ab und zu machten wir bei dem Quiz mit und hatten auch irgendwie Spaß dabei. Er kennt sich echt gut Fußball und Filmen aus, aber hat keine Ahnung von Musik, außer Johnny Cash und Elvis. "Ein Fußballexperte meinte, dass es gerecht wäre, wenn man die Saison jetzt beendet und die Hinrundentabelle werten lässt. Rate mal wer dann Meister wäre?" "Ich habe echt keine Ahnung von Fußball." "Rate einfach." "Bayern?" "RB natürlich. Ich finde das können die mal machen."
Wir erreichten Hannover. Er fragte, wo er mich absetzen kann. Ich sagte ihm, am Besten in der Nähe einer Bahnstation. Wir fuhren von der Autobahn ab. Er lenkte auf einen leeren Real-Parkplatz zu und kam zum stehen. "Hier ist keine Bahnstation.",dachte ich. Er machte den Motor aus und fuhr seinen Sitz noch ein Stück nach hinten. "Er ging also doch noch weiter nach hinten. Warum hat sein Bauch, dann die ganze Zeit gegen das Lenkrad gedrückt?", fragte ich mich in diesem Moment. "Ich finde, ich war sehr nett dir gegenüber.", sagte Werner und holte mich aus meinen Gedanken. "Ja, vielen Dank. Das ist nicht selbstverständlich." Ich drehte mich zur Tür, um sie aufzumachen. "Die ist zu." Ich probierte es nicht mal, sondern schaute die Türklinke nur an. Ich hörte wie er seinen Gürtel aufmacht und seine Hose runterzieht. Ich drehte mich um. Tatsache.

Sein Penis sah klein aus. Ich habe aber bis jetzt auch erst 3 gesehen. Aber im Vergleich zu seinem fetten Körper sieht alles klein aus. Er schaute das Bild dieser Pornotante an, während er mit mir sprach. "Da du kein Geld hast, musst du mich anders entlohnen. Ich bin ja nicht die Wohlfahrt." Nach 4 Stunden Autofahrt stank es in diesem Fahrerhaus. Ich schaute ihn an. Er sah immer noch die Pornotussi an. Der Schweiß auf seiner Stirn ekelte mich an. "Wie schwitzig ist dann wohl sein Ding.", dachte ich. Ich schaute in sein Gesicht, dann auf seinen Penis, wieder in sein Gesicht und dann durch die Frontscheibe. Es gab nichts hier drinne, womit ich mich wehren könnte und genau das wusste er. Ich spürte seine Hand an meinem Bein. Sie ging von meinem Knie immer höher. Seine ekelige speckige Hand. Ich schloss die Augen.



von Pierre-Philippe Scharf

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