Dienstag, 24. März 2020
Grautöne - Corona Short Stories
Grautöne

Die Bundesregierung rät davon ab, sich in größeren Menschengruppen aufzuhalten. Verbote gibt es noch nicht. Die Zahl der Infizierten steigt täglich. Die, die zu Hause bleiben können, sollen zu Hause bleiben.


Hamburg

Renate, eine 74 Jahre alte Frau, sitzt auf ihrer Couch in ihrer 2 Zimmer Wohnung mit dem Telefon in der Hand. Sie schaut in ihr Kontaktbuch und geht mit ihrem Finger die Nummern entlag. "Margarete Arbeit." "Margarete Handy." Ihr Finger zittert und bleibt bei "Margarete zu Hause" stehen. Sie fängt an die Nummer einzutippen als plötzlich das Telefon klingelt. Vor Schreck lässt sie es fallen.

"Ja, hallo?"

"Mama, hast du die Nachrichten verfolgt?"

"Ja Margarete, natürlich. Schrecklich ist das."

"Ich und die Kinder können übermorgen nicht vorbei kommen. Hier in Köln ist es noch schlimmer als bei dir oben. In Tinos Klasse ist ein Elternteil in Verdacht. Ich will nicht, dass du dich ansteckst. Bleib bitte daheim, Mama."

"Ja, ist gut. Ich pass schon auf mich auf und sag den Kindern, Oma hat sie lieb."

"Mach ich."


3 Tage später. Das Telefon und das Internet geht im gesamten Wohnblock nicht. Es klopft an der Tür.
Renate macht die Tür auf, lässt aber die Türkette dran.

Malik, der 19 Jahre alte Nachbarsjunge, steht vor ihrer Tür.

"Hallo. Ich wollte fragen, ob ich etwas für sie einkaufen kann."

"Nein, ich möchte mit euch nichts zu tun haben."

"Mit euch?"

"Mit euch Schwarzen."

"Ich bin deutsch. Ich habe einen deutschen Pass und bin hier aufgewachsen."

"Trotzdem bist du schwarz."

"Denken sie nicht in Schwarz und Weiß, denken sie in Grautönen."

"War's das jetzt?"

"Geht das Telefon bei ihnen auch nicht?"

"Nein."

Malik kramt in seiner Hosentasche und hält ihr sein Smartphone hin.

"Hier, nehmen Sie das und rufen sie ihre Familie an. Die machen sich bestimmt schon Sorgen um Sie."

Renate zögert.

"Bitte nehmen Sie es. Es ist entsperrt. Sie müssen nur die Nummer eingeben und das grüne Telefon drücken. Danach legen sie es einfach vor ihre Tür."

"Ich weiß, wie sowas funktioniert."

Renate kannte Smartphones nur aus dem Fernsehen. Sie nimmt das Handy und setzt sich auf ihre Couch. Sie sucht wieder im Kontaktbuch und bleibt bei "Margarete Handy" stehen. Sie tippt die Nummer ein und drückt auf das grüne Telefon. Sie wartet, aber keiner geht ran. "Hat der Bengel mich reingelegt, kann ich damit überhaupt telefonieren?", dachte Renate. Sie steht auf, um das Handy wieder vor die Tür zu legen, als es plötzlich klingelt. Sie tippte auf das grüne Zeichen.

"Hallo?"

"Margarete?"

"Mama! Nimm das Handy mal von deinem Ohr weg."

"Was? Aber-"

"Mach mal."

Renate schaut auf das Display.

"Hallo, ich sehe dich und Tino ist auch da."

"Hallo, Oma."

Renate kommen die Tränen.

"Woher hast du das Smartphone?"

"Das hat mir ein netter junger Mann gegeben."



von Pierre-Philippe Scharf

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